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Magazin

Wo der Jazz den Blättern zuhört

KonzertberichtRückblick

Von Sebastian Netta

Veranstaltung

feat. Mindaugas Stumbras

12. JULI 2026 · 16:00 Uhr · Im Stiftsgarten - 48629 Metelen

Es gibt Orte, die nicht darauf warten, Konzertsaal zu werden. Sie haben längst ihren eigenen Klang. Im Stiftsgarten von Metelen waren es die Vögel in den Bäumen, das Rauschen der Blätter und ein Sommerwind, der sich nicht an den Takt hielt. Dazwischen stand die Bonsai-Bühne, klein genug, um sich dem Ort nicht aufzudrängen – und groß genug für eine Reise, die an diesem Sonntagnachmittag von Litauen über das Münsterland bis nach Nordafrika führte.

Die Kulturinitiative Metelen hatte das Münsterland Trio eingeladen. Rund 40 Menschen kamen, manche mit einer Picknickdecke, andere nahmen auf den mitgebrachten Klappstühlen Platz. Es entstand jene angenehme Unordnung, die bei einem Konzert im Freien möglich ist: Man sucht sich seinen Platz, wechselt ihn vielleicht noch einmal, schaut in die Bäume und bemerkt irgendwann, dass das Konzert längst begonnen hat, bevor der erste Ton gespielt wird.

Auf der Bühne trafen drei Musiker aufeinander, die ihre Herkunft nicht als Grenze verstehen, sondern als musikalisches Material. Mindaugas Stumbras aus Litauen spielte Gitarre, Caspar van Meel aus den Niederlanden Kontrabass, Sebastian Netta Schlagzeug. Das Münsterland Trio ist kein fest verschlossenes Ensemble. Es lädt Musiker aus verschiedenen europäischen Städten ein und macht hörbar, was in den offiziellen Reden über Partnerschaft oft nur behauptet werden kann: dass Verständigung nicht dort beginnt, wo alle gleich klingen, sondern wo jeder seine eigene Stimme behält.

Mit „Nocturnal Sky“ öffnete sich zunächst ein weiter, nächtlicher Klangraum – am hellen Nachmittag, unter Bäumen, die genügend Schatten spendeten, um der Vorstellung entgegenzukommen. Caspar van Meel hatte eine Komposition dem Sommer gewidmet. „Tides of Love“ erzählte von den Gezeiten der Liebe, von Nähe und Entfernung, vom Kommen und Gehen. In „Lonely Hours“ erschien das Alleinsein nicht als Mangel, sondern als ein Zustand, in dem ein Mensch sich selbst begegnen kann.

Auch die Vögel bekamen ihren Platz. „Dance of the Rubecula“ war dem Rotkehlchen gewidmet. Während das Trio spielte, antwortete es aus den Bäumen – nicht als eingeübter Effekt, sondern mit jener beiläufigen Genauigkeit, die nur die Natur beherrscht. Für einen Moment schien es, als hätte die Musik nicht draußen stattgefunden, sondern als sei sie dort entstanden: zwischen Saiten, Fellen, Holz, Blättern und Stimmen.

Mindaugas Stumbras zeigte in seinem Solo, wie weit sich eine Gitarre öffnen lässt, wenn Virtuosität nicht zum Selbstzweck wird. Seine Musik konnte leicht und beweglich sein, dann wieder weit und nachdenklich. Sie trug Spuren einer litauischen Klangwelt in sich, ohne daraus Folklore zu machen. Gerade darin liegt die Stärke dieses Trios: Die Musiker stellen ihre Herkunft nicht aus. Sie bringen sie mit.

Später führte „Essaouira“ nach Marokko, weitere Klänge erinnerten an Tunesien. Das Konzert wurde zu einer Reise, für die niemand seinen Platz verlassen musste. Sebastian Nettas Schlagzeug gab diesen Bildern Farbe und Bewegung, während der Wind durch die Baumkronen strich und seine eigene, ungeschriebene Stimme hinzufügte. Die Natur war an diesem Nachmittag keine Dekoration. Sie war Mitspielerin.

Am Ende verlangte das Publikum eine Zugabe. Gewünscht wurde „Der Mond ist aufgegangen“, obwohl die Sonne noch über dem Stiftsgarten stand. Vielleicht passte gerade das: ein Abendlied am hellen Tag, leise mitgesummt von Menschen unter alten Bäumen. Musik muss nicht immer zur Stunde passen. Manchmal verändert sie die Stunde.

So wurde der Stiftsgarten für eine Weile zum Konzertsaal, ohne aufzuhören, ein Garten zu sein. Genau darin liegt die Idee der Wald & Wiesen Konzerte: Kultur nicht einfach aufs Land zu bringen, als habe sie dort bislang gefehlt, sondern Orte zu entdecken, an denen Musik und Umgebung einander etwas zu sagen haben. In Metelen war das Gespräch längst im Gange. Das Trio musste nur hinzukommen.

Sebastian Netta